Noch dieses Jahr startet die Ariane 5 Rakete mit einem ESA Satellit,
um sich auf eine 16 Monate dauernde Reise zum Mond zu machen. Eine Mondbasis
könnte als Ausgangspunkt für künftige Flüge zum Mars
dienen. Nur wenigen blieb der Blick auf die Erde bisher vorbehalten und
doch hat die Faszination der unendlichen Weiten eine ganze Generation
beeinflusst. Neben Forschung, Wissenschaft und Technik blieb auch die
Architektur von der Eroberung des Alls nicht unbeeinflusst. Barbara Imhof
hat als Weltraumarchitektin bei der NASA an dem Marsmissionsprojekt „Bioplex“
mitgearbeitet. Mit FORUM sprach sie über soziale, psychologische
und formale Einflüsse von Architektur im Kosmos – und deren
„erdige“ Rückkoppelung.
17.09.2003 | Manuela Hötzl
Redaktionsbüro: Manuela Hötzl
http://www.redaktionsbuero.at
Interview mit Barbara Imhof:
Ist Architektur im Kosmos überhaupt ein
Thema?
Anfangs war die Raumfahrt von technologischen Bedingungen und deren Machbarkeiten
geprägt. Die Landung auf dem Mond wurde als wissenschaftlicher Sieg
gefeiert, der die Ausbildung der Ingenieure stark beeinflusst, aber auch
blockiert hat, da diese sich immer weiter von der Realität des direkten
Umfelds der Astronauten wegbewegt hat. Internationale Raumstationen sahen
aus wie Maschinen, die deutlich machten, wie wenig Rücksicht auf
den Menschen genommen wurde. Doch Architektur und Design spielen da eine
Rolle, wo man vom reinen Campingtrip abkommt und längere, bemannte
Missionen durchführt.
Du hast an dem Projekt „BIOPLEX“
bei der NASA gearbeitet. Wie kommt man als Architektin dorthin?
Im Zuge meines Masterstudiums „Space Studies“ (an der International
Space University) in Strasbourg, hatte ich mich für ein Praktikum
am "Johnson Space Center“, eines der elf NASA Zentren entschieden,
weil dort alle Astronauten ausgebildet werden – das bedeutet den
direkten Kontakt mit potenziellen Bauherren und –frauen. Bei „BIOPLEX“,
dem, derzeit noch laufenden, Projekt für die bemannte Marsmission,
war ich die einzige Architektin.
Welche Aufgabe hast du dabei übernommen?
Wir im Team mit anderen Wissenschaftern an der Umplanung des Wohnmoduls
gearbeitet. Das ist ein Teil eines größeren Komplexes mit Labor-Maschinen-
und Grünhausmodulen. Die Einzelteile sind sehr klein und können
nicht für sich betrachtet werden. Mit innovativen Architekturprojekten,
mit denen man als Architekt umzugehen lernt, haben diese Planungen aber
wenig zu tun. Für mich war es die Beschäftigung mit Architektur
im Stadium der Simulation. Dafür war meine Ausbildung an der Universität
für Angewandte Kunst, in Bezug auf räumlichen Interventionen
und Strategien, sehr hilfreich.
Du hast zu Beginn von einem dominanten Ingenieurswesen
gesprochen. Es würde mich sehr wundern, wenn es im „All“
anders wäre als auf der Erde und sich die Architekten gegenüber
Ingenieren leicht durchsetzen könnten. Oder nehmen sie dort die Schnittstelle
zwischen Soziologie und Technik ein?
Idealerweise wäre das so. Doch sind auch die Weltraumarchitekten
sehr stark vom einem Ingenieursdenken geprägt. Was in ihren Entwürfen
ziemlich deutlich wird. Das hängt aber auch mit den vielen Randbedingungen
und Vorschriften zusammen, die man sich aneignen muss. Es ist ein extremes
Spezialgebiet und Architekten müssen sehr viel KnowHow haben. Doch
die Zusammenarbeiten zwischen Ingenieuren und Architekten muss in Zukunft
sicher verstärkt stattfinden.
Die Weltraumtechnik, oder besser: die Idee
der Eroberung des Weltalls hat die Architektur, wie in den 70ziger Jahren,
mehr beeinflusst, als dass Architektur einen Einfluss im Weltraum hätte?
Zu einem gewissen Teil, natürlich. Das gilt sicher für das Thema
„Wohnen“. Wenn ich zum Beispiel an Archigram denke: Diese
Architektengruppe war ganz stark vom Weltraum beeinflusst und hat eine
ganze Architekturgeneration geprägt, ohne dass sie jemals etwas umgesetzt
haben. Deshalb kann man sich schon die Frage stellen, inwieweit solche
Visionen auch in Zukunft Entwicklungen auf der Erde stimulieren –
das ist nur schwer abzuschätzen.
Die ästhetische Beeinflussung ist offensichtlich
und wahrscheinlich auch bedingt durch die Entwicklung neuer Technologien?
Die Wettbewerbssituation, die zu Zeiten des kalten Krieges entstanden
ist, hat sehr viel dazu beigetragen, dass andere Technologien entwickelt
worden sind. Speziell auch Materialtechnologien, die dann in anderen Bereichen
wieder Anwendung finden. Daraus ist sicher die technoide Ästhetik
der 60er und 70er Jahre entstanden. Aber auch andere Bereiche, wie Infrastrukturen
werden teilweise aus dem Weltraumbereich für andere Lebensbereiche
übernommen.
Haben wir also ein Teil des Weltraums schon
längst in unserem Alltag?
Selbstverständlich. Kulturelle Traditionen und Entwicklungen sind
in diesem Bereich aber wenig hinterfragt. Das gilt allerdings nicht nur
für den Weltraum – formale Einflüsse sind oft historisch
begründet und schauen mehr aus „Gewohnheit“ so aus, wie
sie ausschauen. Besonders im Innenbereich eines Raumschiffes oder Weltraumhabitats
werden gewohnte Denkweisen in gewöhnliches Design umgesetzt, ohne
dass hinterfragt wird, ob wir zum Mond oder zum Mars fliegen oder nur
im Orbit unsere Runden drehen. Viele Designs für Mond- oder Marshabitate
haben ein Layout wie ein normales Labor mit einer Miniwohnung und sind
eingerichtet wie ein kommerzielles Möbelhaus. Sich von der irdischen
Denkweise zu lösen, ist nicht ganz leicht. So wie bei uns ein Haus
als Icon immer noch nur als Kubus mit Satteldach verständlich ist.
Um das Paradigma Haus oder Mensch auf der Erde zu ändern, braucht
es neben viel Einsatz auch Zeit.
Bei längeren Aufenthalten im All tritt
also der menschliche Aspekt mehr in den Vordergrund?
Richtig. Der entscheidende Erfolg hängt stark von der kleinen Mikrogesellschaft
des Raumschiffs ab, deren Wohlbefinden relevant wird, weil man weiß,
dass in solch einem isolierten Raum oft die Motivation fehlt, eine Aufgabe
zu erfüllen. Und das hängt wiederum von dem Raum ab, indem sie
leben. Und hier wird die Architektur wichtig.
Heißt das, das bis jetzt die psychologische
Betreuung der Astronauten vernachlässigt wurde?
Neben der Zukunftsvision, die anfangs immer technisch begründet war,
gibt es auf der anderen Seite genug Menschen, die sofort auf eine bemannte
Marsmission gehen würde. Obwohl solch eine Reise mindestens zwei
Jahre dauern würde, ist es für uns momentan das letzte vorstellbare
Abenteuer. Diese Abenteuerlust ist eine starke Motivationskomponente der
Astronauten, die sie in jeder Maschine leben lässt -egal wie lebenswert
das ist. Auf der Erde ist dieser „Raum im Weltraum“ empirisch
nicht findbar, aber wichtig, um die Problematik einmal klarzustellen.
Dafür müssen diese Simulationstests durchgeführt werden,
bei denen man möglichst ähnliche Situationen kreiert. Hundertprozentig
ist das aber nie möglich.
Werden auch kulturellen Unterschiede in einem
„Big Brother“-Projekt im All wohl besonders deutlich?
Die Schwierigkeit besteht sicher darin, einen Raum zu bauen, der für
verschiedene Kulturen, wie für Asiaten, Araber, Amerikaner und Russen
geeignet ist. Die Russen haben mehr Erfahrung mit bemannten Missionen
im Gegensatz zu den Amerikanern, was auch daran liegt, dass die Russen
schon viel länger kontinuierlich eine Raumstation haben. Die Problematik
besteht in den soziologischen und psychologischen Konstitution der Menschen,
woraus dann zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktionen resultieren.
Es geht darum, dass man sich teilweise sehr eingeschlossen, sehr alleine
fühlt. Zum anderen bedeutet die Situation im Orbit oder am Mond,
immer den Blickkontakt zur Erde. Dieser Blick von außen, ist immer
eine Blick auf uns selbst, auf die Geschichte und Tradition. Aber wesentlich
enger.
Dieser Blick auf sich selbst, wie man sich
als Mensch sieht und erfährt – so wie ein kleines Kind zum
ersten Mal in den Spiegel schaut, bedeutete eine sehr differenzierte Sichtweise
auf den Körper, den Raum und das Leben. Schon David Bowie singt als
Major Tom davon. Was würde sich auf der Erde verändern, wenn
es tatsächlich ein Hilton auf dem Mond gäbe?
Ganz allgemein kann man sagen, dass sich immer mehr Leute mit diesem Thema
befassen, weil es vermehrt kommerzielle Ausblicke, wie ein Hotel am Mond
oder im Orbit, gibt. Die Hotelkette Sheraton hatte schon Hotelkonzepte
für den Mond gesponsert, ebenso entwickelt die japanische Baufirma
Shimizu seit Jahren Hotels für den Orbit und den Mond. Der Mond ist
deswegen ein gutes Territorium zu bauen, weil dieser Blickkontakt zur
Erde noch vorhanden ist. Unsere Wahrnehmung würde sich auf jeden
Fall prinzipiell verändern, auch die Maßstäbe. Wenn man
plötzlich Weihnachten auf dem Mond verbringen kann, würden sich
unsere oft sehr determinierte Vorstellung von Raum bestimmt auflösen.
Hinzu kommt die körperliche Erfahrung der Schwerelosigkeit. Wir orientieren
uns immer ganz stark an der xy-Ebene, die im Orbit nicht mehr existiert.
So lässt sich der Raum ganz anders organisieren und wird größer.
Allerdings variieren die damit verbunden psychologischen Auswirkungen
auch kulturell, die Russen zum Beispiel sagen, es ist ihnen ziemlich egal,
wo sie sich im Raum befinden, ob oben unten Mitte, während die Amerikaner
sich wesentlich schlechter von ihren Konventionen lösen können.
Du hast die Tradition erwähnt. Welche
sind im All noch möglich?
Eigentlich wird in Zukunft eine Mischung aus Festhalten an einer Kultur
und autonomen Systemen entstehen. Die Japaner haben ein Modul für
den Orbit entworfen, in dem die Einhaltung ihrer Teestunde und damit ein
Teil ihrer Kultur auch im Weltraum möglich ist.
Wir setzen dann unsere Gewohnheiten im Weltall
einfach fort?
Zum Teil, ja. Es hat sich gezeigt, dass man auf mehr Dinge Rücksicht
nehmen muss, als anfangs gedacht. Dahingehend steckt die Weltraumtechnologie
noch im Stadium des Experiments, vieles kann man noch nicht abschätzen.
So sind Tische im Weltraum eigentlich unnötig geworden, aber es gibt
sehr wohl Oberflächen, worauf man sein Essen stellen kann. Essen
ist etwas sehr stark Sozialisierendes. Gerade in einer Umgebung, wo es
wenige Möglichkeiten zur Sozialisierung gibt, wurde die Nahrungsaufnahme
mittels Pillen wieder eingestellt. Das spielt für die Gestaltung
eine wichtige Rolle und lässt auch bei der Organisation von Räumen
auf der Erde einige Rückschlüsse zu.
Du hast dich ja nicht vollkommen der Weltraumarchitektur
verschrieben, welchen Einfluss nimmt deine Ausbildung auf die Architektur?
Im Masterkurs wurde ich schon des öfteren gefragt, was ich als Architektin
hier eigentlich mache. Meine Antwort damals war immer: “Jetzt kann
ich es noch nicht sagen, aber in zehn Jahren weiß ich es vielleicht.“
Ich war von Anfang an überzeugt, dass mein grundsätzliches Interesse
sich in meiner Arbeit widerspiegeln wird . Heute habe ich schon eine etwas
klarere Vorstellung und ich beschäftige mich vor allem mit der Verschneidung
der beiden „Welten“. Inzwischen befassen sich viele Architekten
mit neuen Technologien und technologisierten Räumen oder Augemented
Spaces. Es geht hier um eine technologische Infrastruktur, wie sie von
Diller&Scofido oder Kaas Oosterhuis als interaktive, intelligente
Raumhülle, materialisiert oder entmaterialisiert, propagiert wird.
Ein Weltraumhabitat ist ebenfalls ein hoch technologisierter Raum, der
aber im Moment eher Maschine, als lebende Umwelt, ist. Eine Zukunftsperspektive
wäre deshalb, diesen Raum in Hinsicht auf einen Augmented Space auszubauen.
Ein konzeptioneller Ansatz ist zum Beispiel das Projekt „Spacehab“
von Oosterhuis. Für mich verschmelzen Weltraum- und Erdarchitektur
in ihrem Konzept immer mehr. Ein Beispiel: Greg Lynn, der in seinem Buch
„Animate Form“ von Gravity, eigentlich eher von Anti-Gravity,
spricht und davon, dass man Gebautes auch einmal losgelöst von seiner
Vertikalität denken könnte und verschiedene Massen in einem
dynamischen System stabil sind, wie auf Orbitbahnen. Als ich das gelesen
habe, habe ich sofort an ein Raumschiff gedacht. Auf einer abstrakten
Ebene gibt es deshalb viele Bezüge zwischen Erde und Weltall. Energie-
und Materialtechnologisch gibt es natürlich viele Weltraumentwicklungen,
die auf die Architektur Einfluss haben können, wie zum Beispiel intelligente
Materialien, die sich dem Körper, für eine individuelle Sesselpolsterung
anpassen.
Was kam bei dem Lunar Base Design Workshop,
dem im vorigen Jahr initiierten Projekt, das in den Räumlichkeiten
des European Space and Technology Center stattgefunden hat, heraus?
Spezialisten der wichtigsten Fachgebiete waren anwesend und Studententeams,
so interdisziplinär wie möglich zusammengesetzt, so dass alle
ihre unterschiedlichen Kapazitäten einbringen konnten. Vorgabe war
es, einen Raum zu generieren, der die Situation und den Tagesablauf auf
dem Mond reflektiert. Es wurde darüber nachgedacht, wie man dort
lebT. Was für ein Raumprogramm, wieviel Weite, wieviel Enge brauche
ich zur Konzeption einer Forschungsstation als kleine autarke, erweiterbare
oder modulartige Einheit? Wie definiere ich den Privatraum, wie stelle
ich noch deutlicher den Bezug nach draußen her?
Welche Rolle spielt in Zukunft die Kommunikation
zur Erde?
Die Kommunikation ist auch jetzt schon wichtig. Die Russen haben immer
darauf geachtet, weil sie wussten, wie wichtig der Kontakt zur Erde für
das Wohlbefinden ihrer Kosmonauten ist: die Familien wurden ins Mission
Control Center Moskau geholt – und dann gab es Gespräche mit
den Kindern und Verwandten. Jetzt geht es natürlich darum, wie man
anders als mittels persönliche Beziehungen, einen ummittelbaren Kontakt
mit Zuhause herstellen kann. Das Videoconferencing, dass es auf der ISS
gibt, funktioniert aus technischen Gründen meistens nicht also stellt
sich die Frage nach anderen Möglichkeiten. Information könnte
als Bewegung transportiert werden – wenn ich zum Beispiel einfach
Teile vom Raum bewege, und dann, je nachdem wo ich mich hinverbinde auf
der Erde oder auf dem Mars, ein Gegenimpuls stattfindet, den ich auch
wahrnehmen kann, ist das eine Möglichkeit der Isolation zu entfliehen,
wenn auch nur virtuell.
erschienen in Architektur & Bauforum Nr.16/ Sept.03, S.4ff |